Schwerin, Juni 2026
In Mecklenburg-Vorpommern verschärfen sich die Herausforderungen bei der Fachkräftesicherung spürbar. Demografische Entwicklungen, eine fragmentierte Wirtschaftsstruktur und steigende Qualifikationsanforderungen verstärken bestehende strukturelle Probleme. Ohne eine leistungsfähige berufliche Bildung lassen sich diese Entwicklungen nicht bewältigen. Sie ist damit keine Randfrage, sondern eine grundlegende Voraussetzung für wirtschaftliche Stabilität und Entwicklung.
Bildungsunternehmen tragen diese Aufgabe maßgeblich. Sie qualifizieren Fachkräfte für Unternehmen, sichern Ausbildungsstrukturen und ermöglichen Integration in einem sich wandelnden Arbeitsmarkt. Darüber hinaus eröffnen sie vielen Menschen überhaupt erst den Zugang zu Bildung, Qualifizierung und beruflicher Entwicklung.
Gleichzeitig sind sie selbst ein relevanter Wirtschaftsfaktor: unternehmerisch tätig, regional verankert und mit erheblicher Beschäftigungswirkung.
Trotz dieser Rolle sind die Rahmenbedingungen für die berufliche Bildung im Land bislang nicht ausreichend auf Stabilität, Verlässlichkeit und Entwicklung ausgerichtet. Fragmentierte Zuständigkeiten, projektbasierte Finanzierung und begrenzte Förderzugänge erschweren es Bildungsunternehmen, ihre Leistungen dauerhaft und flächendeckend anzubieten.
Die nachfolgenden Forderungen in sechs Punkten des Verbands der Bildungsunternehmen MV e. V. (VBU) benennen zentrale strukturelle Handlungsbedarfe und formulieren klare Erwartungen an die Landespolitik vor dem Hintergrund der anstehenden Landtagwahl in Mecklenburg-Vorpommern 2026.
1. Berufliche Bildung strukturell im Land verankern
Wie es ist:
Die berufliche Bildung in Mecklenburg-Vorpommern ist derzeit durch fragmentierte ministerielle Zuständigkeiten und eine projektbasierte Förderlogik geprägt. Unterschiedliche Ressorts, Programme und Finanzierungsquellen führen zu einer fehlenden Gesamtsteuerung. Gleichzeitig ist ein erheblicher Teil der Finanzierung an zeitlich befristete ESF-Mittel gebunden. Diese Struktur schafft Unsicherheit, erschwert langfristige Planung und verhindert eine nachhaltige Entwicklung der Bildungslandschaft. Dadurch fehlen Bildungsdienstleistern verlässliche und langfristig planbare Rahmenbedingungen, um Qualifizierungsangebote kontinuierlich vorzuhalten und bedarfsgerecht weiterzuentwickeln.
Wie es sein sollte:
Die berufliche Bildung muss als eigenständiger, strategisch gesteuerter Politikbereich im Land etabliert werden. Klare Zuständigkeiten, abgestimmte Programme und eine dauerhaft gesicherte Finanzierung sind Voraussetzung für eine leistungsfähige und zukunftsfeste Bildungsinfrastruktur.
Wir fordern, dass:
- die Zuständigkeiten für die berufliche Bildung im Sinne einer „Bildung aus einer Hand“ gebündelt und klar zugeordnet werden,
- ein eigenständiger Haushaltstitel für die berufliche Bildung an außerschulischen Lernorten geschaffen wird, um eine verlässliche strukturelle Finanzierung unabhängig von projektbezogenen Förderlogiken zu sichern,
- eine verlässliche Anschlussfinanzierung nach Auslaufen der ESF-Förderperiode 2027 frühzeitig entwickelt und umgesetzt wird.
2. Bildungsunternehmen gleichberechtigt fördern und einbeziehen
Wie es ist:
Bildungsunternehmen sind eine zentrale Säule der beruflichen Bildung. Sie tragen durch die Aus- und Fortbildung von Fachkräften, durch Angebote zur ökonomischen Bildung und Berufsorientierung sowie durch Maßnahmen zur Integration in den Arbeitsmarkt wesentlich zur Erschließung von Fachkräftepotenzialen bei. Hierzu zählen insbesondere niedrigschwellige Angebote zur Aktivierung, Kompetenzfeststellung, Stabilisierung und Heranführung an Ausbildung und Beschäftigung. Dennoch werden sie in vielen Förderprogrammen des Landes nicht systematisch berücksichtigt.
Förderzugänge orientieren sich häufig an institutionellen Strukturen statt an tatsächlichen Beiträgen zur Fachkräftesicherung. Dies führt dazu, dass gerade diejenigen Akteure, die einen Großteil der Qualifizierungsleistungen erbringen, strukturell benachteiligt werden und ihre Angebote nicht im erforderlichen Umfang weiterentwickeln können.
Wie es sein sollte:
Die Förderpolitik muss sich an den realen Strukturen der beruflichen Bildung orientieren. Alle Akteure, die einen wesentlichen Beitrag zur Qualifizierung leisten, müssen gleichberechtigt Zugang zu Förderinstrumenten erhalten. Dies gilt ausdrücklich auch für Bildungsunternehmen, die mit vorbereitenden, aktivierenden und integrationsorientierten Angeboten die Grundlage für anschließende Ausbildung und Qualifizierung schaffen. Bildungsunternehmen sind daher systematisch in bestehende Förderprogramme einzubeziehen, insbesondere in solche, die auf die Unterstützung kleiner und mittlerer Unternehmen ausgerichtet sind.
Wir fordern, dass:
- Bildungsunternehmen systematisch in alle relevanten Landesprogramme, insbesondere in Programme der Fachkräftesicherung, der Qualifizierungsförderung, der Arbeitsmarktintegration sowie der Wirtschafts- und Innovationsförderung, einbezogen werden,
- Förderentscheidungen konsequent qualitiäts- und bedarfsorientiert getroffen werden,
- die Verbundausbildung als eine Form der überbetrieblichen Ausbildung und zentraler Bestandteil der Fachkräftesicherung gezielt gestärkt sowie Bildungsunternehmen als Partner kleiner und mittlerer Unternehmen strukturell unterstützt werden,
- eine Gleichbehandlung von Bildungsunternehmen sichergestellt wird, insbesondere durch die Öffnung bestehender Förderprogramme und den Abbau struktureller Wettbewerbsnachteile für privatwirtschaftlich organisierte Bildungsunternehmen.
3. Berufliche und akademische Bildung gleichwertig behandeln
Wie es ist:
Obwohl berufliche und akademische Abschlüsse im Deutschen Qualifikationsrahmen formal gleichwertig sind, spiegelt sich diese Gleichstellung in der politischen Praxis nicht ausreichend wider. Förderprogramme, öffentliche Wahrnehmung und bildungspolitische Prioritäten setzen weiterhin überwiegend auf akademische Bildungswege. Dies führt zu einer strukturellen Benachteiligung der beruflichen Bildung und schwächt ihre Attraktivität.
Wie es sein sollte:
Die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung muss sich in konkreten politischen Entscheidungen widerspiegeln. Förderprogramme, Informationsangebote und bildungspolitische Maßnahmen sind so auszurichten, dass berufliche Bildungswege gleichberechtigt berücksichtigt und ihre Entwicklung aktiv unterstützt werden.
Wir fordern, dass:
- die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung in allen Landesprogrammen verbindlich berücksichtigt wird,
- höherqualifizierende berufliche Abschlüsse gleichberechtigt gefördert und Übergänge zwischen beruflicher und akademischer Bildung systematisch erleichtert werden, insbesondere durch die Ausweitung von Anrechnungsregelungen und die Förderung durchlässiger Bildungsangebote,
- die Gleichbehandlung von IHK- und HWK-Abschlüssen sichergestellt wird, insbesondere durch die Ausweitung bestehender Förderinstrumente wie der Praktikumsprämie auf weitere Berufsfelder,
- die berufliche Bildung als gleichwertiger Karriereweg aktiv gestärkt wird, insbesondere durch gezielte Maßnahmen zur Steigerung der Sichtbarkeit, eine praxisnahe Berufsorientierung und eine stärkere Einbindung von Unternehmen und Bildungsunternehmen in schulische Prozesse.
4. Landesfinanzierung verlässlich, realistisch und planbar gestalten
Wie es ist:
Die Finanzierung beruflicher Bildungsangebote auf Landesebene bildet die tatsächlichen Kostenstrukturen häufig nicht ausreichend ab. Insbesondere steigende Personal-, Sach- und Verwaltungskosten können in bestehenden Fördermodellen nur begrenzt berücksichtigt werden. Gleichzeitig fehlt es an Anpassungsmechanismen bei mehrjährigen Maßnahmen. Dies führt zu wirtschaftlichen Risiken für Bildungsunternehmen und schränkt ihre Fähigkeit ein, qualitativ hochwertige Angebote langfristig vorzuhalten. Notwendige Investitionen in Innovation, Digitalisierung und neue Qualifizierungsformate können unter diesen Bedingungen nur eingeschränkt realisiert werden.
Wie es sein sollte:
Die Finanzierung muss realistische Rahmenbedingungen schaffen, die es Bildungsunternehmen ermöglichen, wirtschaftlich stabil und qualitativ hochwertig zu arbeiten. Dazu gehört eine stärkere Orientierung an tatsächlichen Kostenentwicklungen sowie eine verlässliche Planungsperspektive.
Wir fordern, dass:
- landesfinanzierte Programme die realen Kostenentwicklungen, insbesondere im Personal- und Sachkostenbereich, von Beginn an berücksichtigen,
- bei mehrjährigen Maßnahmen verbindliche Anpassungsmechanismen, etwa in Form regelmäßiger Kostenüberprüfungen und Fortschreibungen, eingeführt werden,
- Investitionen in Digitalisierung, Innovation und moderne Qualifizierungsformate gezielt förderfähig gemacht werden,
- Förderprogramme so ausgestaltet werden, dass sie Planungssicherheit gewährleisten und die kontinuierliche Weiterentwicklung von Bildungsangeboten ermöglichen, insbesondere durch frühzeitige Programmankündigungen und rechtzeitige Klärung von Anschlussfinanzierungen.
5. Bildungsunternehmen als zentrale Akteure der Fachkräftesicherung einbinden
Wie es ist:
Bildungsunternehmen leisten einen wesentlichen Beitrag zur Qualifizierung von Fachkräften, zur Integration in den Arbeitsmarkt sowie zur Sicherung von Ausbildungsstrukturen – insbesondere im Zusammenspiel mit kleinen und mittleren Unternehmen. Zugleich übernehmen sie eine zentrale Funktion bei der Vorbereitung und Stabilisierung von Bildungs- und Erwerbsbiografien und erreichen Zielgruppen, die ohne entsprechende Unterstützungsangebote oftmals keinen Zugang zu Ausbildung oder Qualifizierung finden würden. Diese Rolle wird in politischen Strategien bislang nicht ausreichend berücksichtigt und nicht systematisch in Steuerungsprozesse eingebunden.
Wie es sein sollte:
Bildungsunternehmen müssen als eigenständiger und systemrelevanter Bestandteil der Fachkräftesicherung anerkannt und aktiv in strategische Prozesse einbezogen werden.
Wir fordern, dass:
- Bildungsunternehmen verbindlich in die Entwicklung und Umsetzung landesweiter Fachkräftestrategien einbezogen werden,
- dauerhafte und institutionalisierte Beteiligungsformate zwischen Landespolitik, Arbeitsverwaltung und Bildungsunternehmen geschaffen und auf Augenhöhe ausgestaltet werden,
- die Perspektive und Expertise von Bildungsunternehmen systematisch in Planungs-, Steuerungs- und Umsetzungsprozesse der Arbeitsmarkt- und Bildungspolitik integriert wird.
6. Rechtssicherheit für den Einsatz freiberuflicher Lehrkräfte schaffen
Wie es ist:
Der Einsatz freiberuflicher Lehrkräfte ist ein zentraler Bestandteil der beruflichen Bildungsangebote. Gleichzeitig besteht aufgrund der weiterhin ungeklärten Statusfeststellung erhebliche Rechtsunsicherheit. Unterschiedliche Bewertungen durch Sozialversicherungsträger und Prüfinstanzen führen dazu, dass Bildungsunternehmen den Einsatz freiberuflicher Fachkräfte nicht verlässlich planen können.
Die aktuell verlängerten Übergangsregelungen schaffen lediglich temporäre Entlastung, lösen das strukturelle Problem jedoch nicht. Für Bildungsunternehmen besteht weiterhin das Risiko von Nachforderungen und rechtlichen Konsequenzen. Dies gefährdet die Flexibilität der Bildungsangebote und erschwert insbesondere den Einsatz von praxisnahen Fachkräften aus der Wirtschaft.
Wie es sein sollte:
Es müssen klare, bundesweit einheitliche und rechtssichere Rahmenbedingungen geschaffen werden, die den Einsatz freiberuflicher Fachkräfte ermöglichen und Bildungsunternehmen verlässliche Planungssicherheit geben.
Wir fordern, dass:
- sich die Landesregierung auf Bundesebene aktiv und mit Nachdruck für eine rechtssichere und praxistaugliche Regelung der Statusfeststellung einsetzt,
- bestehende Unsicherheiten durch klare Anwendungshinweise und eine abgestimmte Verwaltungspraxis reduziert werden,
- bis zu einer endgültigen Klärung verlässliche Rahmenbedingungen geschaffen werden, die den weiteren Einsatz freiberuflicher Lehrkräfte in der beruflichen Bildung ermöglichen.